Die Ergebnisse
- Die Faustregel passt nicht zum Altbau. In der Raumecke einer ungedämmten 24er-Ziegelwand erreicht die Wandoberfläche bei 60 % Raumluftfeuchte in Potsdam an 165 Tagen im Jahr die Schimmelgrenze von 80 %. Selbst 50 % sind an 61 Tagen zu viel.
- Hinter Möbeln ist es am kritischsten. Steht ein Schrank an derselben Wand, sind 60 % an 212 Tagen zu viel, 50 % an 144 Tagen – also praktisch die ganze Heizperiode.
- Dicke Wände helfen, lösen das Problem aber nicht. Bei 36,5 cm Vollziegel sind es in der Ecke noch 121 Tage, bei Hohlblock- oder Bimswänden der 1950er- bis 1970er-Jahre 54 Tage.
- Dämmung beseitigt das Problem. An einer gedämmten Außenwand liegt die Grenze an keinem Tag unter 60 % – auch nicht hinter dem Schrank.
- Das Klima macht weniger aus als die Wand. Zwischen dem mildesten Ort, Köln/Bonn, und dem kältesten, Erfurt, liegen 30 Tage. Zwischen ungedämmter und gedämmter Wand liegen 165.
An wie vielen Tagen 60 % zu viel sind
Die freie Wandfläche ist fast immer unkritisch, auch im Altbau. Schimmel entsteht an den kalten Stellen: in Außenecken, an Fensterlaibungen und vor allem hinter Möbeln, die direkt an der Außenwand stehen. Dort kommt kaum warme Raumluft an, die Oberfläche kühlt aus. Wer dort misst, sieht das Problem – das Hygrometer in der Raummitte zeigt es nicht.
Städtevergleich
Im Osten und in höheren Lagen sind die Winter länger und kälter, deshalb liegen Erfurt, Dresden und Potsdam vorn. Im Rheinland sind es rund 20 Tage weniger. Überall gilt aber: Eine ungedämmte Ziegelwand verträgt 60 % Luftfeuchte im Winter nicht.
Richtwerte für das Hygrometer, Monat für Monat
| Monat | Vollziegel 24 cm | Vollziegel 36,5 cm | Hohlblock/Bims | gedämmt |
|---|---|---|---|---|
| Jan | 40 % | 47 % | 53 % | 71 % |
| Feb | 43 % | 49 % | 55 % | 71 % |
| Mär | 47 % | 53 % | 58 % | 73 % |
| Apr | 53 % | 58 % | 63 % | 74 % |
| Mai | 60 % | 64 % | 67 % | 76 % |
| Jun | 66 % | 69 % | 71 % | 77 % |
| Jul | 70 % | 72 % | 74 % | 78 % |
| Aug | 70 % | 72 % | 74 % | 78 % |
| Sep | 63 % | 66 % | 69 % | 76 % |
| Okt | 53 % | 58 % | 63 % | 74 % |
| Nov | 47 % | 53 % | 58 % | 73 % |
| Dez | 43 % | 49 % | 55 % | 71 % |
Die Tabelle eignet sich als Aushang für Mieter und als Grundlage für eine Lüftungsempfehlung. Für einen einzelnen Raum mit anderer Wand, Stelle oder Temperatur rechnet der Luftfeuchte-Rechner.
Was daraus folgt
Für Mieter und Eigentümer
- Im Winter im ungedämmten Altbau 45 bis 50 % anpeilen, nicht 60 %.
- Möbel 5 bis 10 cm von Außenwänden abrücken; große Schränke an Innenwände.
- Nach dem Duschen, Kochen und Aufstehen stoßlüften, bei Frost 5 Minuten, in der Übergangszeit länger.
- Kühle Räume nicht mit warmer, feuchter Luft aus anderen Räumen „mitheizen“ – die Feuchte schlägt sich an den kalten Wänden nieder.
Für Vermieter und Hausverwaltungen
- Eine pauschale Lüftungsempfehlung mit „40 bis 60 %“ reicht für ungedämmte Bestände nicht. Die Monatsrichtwerte oben sind eine belastbarere Grundlage.
- Häufen sich Schimmelfälle in Raumecken und hinter Möbeln, ist das ein bauliches Muster, kein Einzelfall des Nutzerverhaltens.
- Die wirksamste Maßnahme ist eine Dämmung der Außenwand – von außen oder, wo das nicht geht, mit einer geeigneten Innendämmung.
Relative Feuchte hängt an der Temperatur
Die Werte gelten für 20 °C Raumtemperatur. In kühleren Räumen darf die relative Luftfeuchte etwas höher sein – aber dieselbe Menge Wasserdampf ergibt dort auch eine höhere relative Feuchte. Ein Hygrometer-Wert ist deshalb nur zusammen mit der Raumtemperatur aussagekräftig.
Methode
- Schimmelkriterium: relative Luftfeuchte an der Wandoberfläche von 80 % nach DIN 4108-2. Oberhalb davon kann Schimmel wachsen, wenn der Zustand mehrere Tage anhält.
- Oberflächentemperatur: stationär aus dem U-Wert der Wand, Raumtemperatur 20 °C und der Tagesmitteltemperatur außen. Wärmeübergangswiderstand innen 0,13 m²K/W für die freie Wand, 0,25 für Raumecken und Laibungen, 0,50 hinter Möbeln.
- Wände: Vollziegel 24 cm U 2,0; Fachwerk mit Ausfachung U 1,8; Vollziegel 36,5 cm U 1,5; Hohlblock oder Bims 30 cm U 1,1; gedämmt U 0,3 W/(m²K), jeweils verputzt.
- Klima: Tagesmittel der Lufttemperatur 1991–2020 an elf Stationen des Deutschen Wetterdienstes: Berlin-Tempelhof, Braunschweig, Dresden-Klotzsche, Erfurt-Weimar, Frankfurt am Main, Hamburg-Fuhlsbüttel, Köln/Bonn, Leipzig/Halle, München-Stadt, Potsdam, Stuttgart-Echterdingen.
- Sättigungsdampfdruck: Magnus-Formel über Wasser, unter 0 °C über Eis.
- Grenzen der Rechnung: Feuchtespeicherung in Putz und Mauerwerk, Sonneneinstrahlung und die Trägheit dicker Wände sind nicht berücksichtigt. Sie glätten kurze Kälteperioden; in länger anhaltenden Frostphasen, auf die es ankommt, stellt sich der berechnete Zustand an der Wand tatsächlich ein. Geometrische Wärmebrücken wie Außenecken sind über den erhöhten Übergangswiderstand nur näherungsweise erfasst.
Daten, Grafiken und Zitieren
- Alle Werte als Tabelle: schimmelgrenzen-tage-1991-2020.csv – elf Städte, fünf Wände, drei Stellen, Tage über 50, 55 und 60 %.
- Grafiken: auf der Seite Presse und Daten als PNG zum Download.
- Lizenz: CC BY 4.0 – frei nutzbar, auch gewerblich, mit Nennung und Link der Quelle.
- Zitiervorschlag: Altbau-Ausbau.de (2026): Schimmelgrenzen-Report 2026. Wann 60 % Luftfeuchte im Altbau zu viel sind. https://www.altbau-ausbau.de/schimmelgrenzen-report/
Datenbasis Klima: Deutscher Wetterdienst, Climate Data Center, tägliche Stationsmessungen, eigene Auswertung. Für Rückfragen zur Methode: Kontakt für Redaktionen.
Begriffe aus dem Baulexikon
Schimmel · Taupunkt · Wärmebrücke · U-Wert · Innendämmung · Kondensat
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